Der Bau von Gotteshäusern in Europa

18 03 2008

Seit vielen Monaten verfolgt man Diskussionen über den Bau von Moscheen in Europa in den  Medien. Mein Eindruck, der sich dabei immer mehr verfestigt, ist jener der Verteidigung von Positionen. Stellungnahmen zu einzelnen Begriffen wie Islamophobie werden wesentlich wichtiger erachtet als der einzelne Mensch, der oder die eine Kirche zur Ausübung der Religion besuchen möchte.  Der Bau eines Gotteshauses wird vielmehr politisch als religiös wahrgenommen.

 Das Gesetz über den Bau und Erhalt von Kirchen anderer Religionsgemeinschaften als den Islam wurde in der Türkei (lt.mündlicher Auskunft) geändert. Das neue Gesetz ermöglicht den christlichen und jüdischen Gemeinden den Bau von Gotteshäusern, indem sie als nichtislamische religiöse Gemeinschaften Grundbesitz erwerben dürfen. Die Entwicklung dieses Gesetz und vor allem die praktische Auswirkung gilt es in den nächsten Jahren Schritt für Schritt zu beobachten.

In ähnlicher Weise muss die öffentliche Diskussion um den Bau von Moscheen in Europa betrachtet werden. Welche Bedeutung haben die Grund- und Freiheitsrechte für die Wähler europäischer Demokratien. Ähnlich der Informationsfreiheit existiert auch das Recht zur freien  Ausübung der Religion.

Für einen gläubigen Menschen bedeutet der Besitz und Erhalt eines seiner Rituale entsprechenden Gotteshauses, dies zu achten und zu ehren, gleichzeitig ergeht das Signal an die Gesellschaft sich entsprechend zu verhalten. Anerkennung und eine gemeinsame Verantwortung sind darin enthalten. Mit Sicherheit stellt es die Achtung und den Respekt der Religion in der Öffentlichkeit dar, es ist offen gelebter Glaube, wie es die Demokratie fordert.  In dieser Offenheit können Dialoge auf gleicher Augenhöhe geführt werden.

Der Besuch einer katholischen Messe in Istanbul in einer meiner Lieblingskirchen, Kariye Muezesi die in ein Museum umgestaltet wurde, wäre schön.  Und was würde einer gläubigen Muslimin der Besuch einer Moschee in der Nähe ihrer Wohngegend bedeuten?  

Ein Haus Gottes ist neben der eigentlichen Aufgabe zur Abhaltung von Ritualen und Gebeten ein kulturelles Symbol, häufig ein Kunstwerk und jede Religion offenbart eine Vielzahl von Schätzen an Gotteshäusern.

Häuser Gottes regen die Gemüter an und auf. Sie lassen Bewunderung aufkommen und provozieren. Sie schaffen einen Raum der Stille und Begegnung, sind aesthetisch und schoen.

 Was würde sich ändern, wenn eine Moschee am rechten Salzachufer in der Stadt der Fürsterzbischöfe stehen würde? Und was würden muslimische und katholische Frauen tun? In der Moschee hinter dem Vorhang gemeinsam beten, in Dankbarkeit fuer den Frieden und Wohlstand der dies möglich macht.

Bis es soweit ist, werden noch viele Fragen und Antworten gestellt werden, im ORF.





Grenzen des guten Geschmacks

16 03 2008

Wolfgang Schüssel, Vorgänger vonAlfred Gusenbauer als Bundeskanzler in Österreich verwendet die Aussage in seinem Vortrag auf die Frage:

Wie gehen Demokratien mit Diktaturen um und wie reagieren Politiker auf abfällige Äusserungen über Symbole und Personen von Religionsgemeinschaften?

Seine Antwort lautete:
„Das Spotten und die Abwertung über Karikaturen von Bildern und Personen, die anderen heilig sind, sei nicht akzeptabel. Er hätte seinerzeit das Buch mit „Jesus Karikaturen“ von Hader zwar künstlerisch ansprechend jedoch geschmacklos empfunden und dasselbe denke er über die Karikaturen des Propheten Mohammed. Weiters seien abfällige Äusserungen zu religiösen Symbolen und Pesonen eine klare Übertretung der Grenze des guten Geschmacks.“

Auf meine Zusatzfrage, wie nun Demokratien mit der Informationsfreiheit umgehen, meinte er,

„das sei wiederum ein Aspekt der Religionsfreiheit, den es zu achten gelte. Und dies gelte auch für Menschen, die keiner Religion angehören.“

Mein Problem bestand lange Zeit darin, eine demokratische Definition von „guten Geschmack“ erarbeiten zu wollen und Regeln für das Einfordern  festzulegen. Gäbe es solche Regeln, wäre  Händeschütteln mit einem Diktator, politische Freundschaft mit einem autoritären Regimevertreter wohl Überschreitung des guten Geschmacks. Ob dieser dann auch geahndet werden kann, bliebe offen.

Ein virtuelles Gespräch führte mich zu dem Punkt, dass eine Festlegung universellen guten Geschmacks aufgrund unterschiedlicher moralischer Standpunkte nicht möglich sind. Wie können wir in einer Demokratie, die von Menschen bewohnt wird, deren ethisches Handeln aus unterschiedlichen moralischen Standpunkten her geleitet wird, guten Geschmack einfordern?

Wo ist diese Grenze  in heutigen Demokratien die als Ansammlung von Individualisten keinen einheitlichen Geschmack bzw. Grundkonsens über Moral kennen. Wer darf in diesen Gesellschaften die Norm festlegen und einfordern und deren Übertretung sanktionieren?

Grund- und Freiheitsrechte stehen auch in Widerspruch zueinander. Der Konsens zur Rechtsdiskussion wäre der demokratische Dialog. Doch wo findet er statt? In den Bundes- und Landesparlamenten, in Gemeindesitzungen, politischen Fraktionen oder im Alltag? Zu welchem Zeitpunkt formulieren Bürger ihre Haltung und Einstellung zu demokratischen Rechten und zur Sanktionierung bei Überschreitung dieser. Seit vielen Jahren kann ich feststellen, dass diese Dialog zunehmend den siamesischen Zwillingen „Medien und Politiker“ überlassen wird. Unglücklicherweise begehen eben diese beiden Gruppierungen auf der Suche nach Stimmen und Quoten andauernd Grenzüberschreitungen. Danach moralisieren sie sich selbst zurecht und versuchen gemeinschaftlich dem Bürger klar zu machen, dass er in erster Linie das Problem der mangelnden Moral hätte.

In Wohlstandsdemokratien ist dies noch ein geringes Problem, da bekanntlich der Mangel an Ressourcen Konflikte gebiert. In Mediendemokratien verschärft sich die Situation, weil durch die öffentliche Meinung die Rechtssetzung beeinflusst wird und dabei Menschengruppen zu mehr oder weniger Wohlstand gelangen können. Diese Ungleichverteilung fördert wiederum soziale Spannungen  und erhöht die Bereitschaft zur Polarisierung. Ein Konflikt schaukelt sich auf, Sprache wird in der Öffentlichkeit schrittweise härter oder verschleiernder, Stereotypen werden von Journalisten zu moralischen Do`s and Dont´s gemacht. Das Gefühl für den sogenannten guten Geschmack wird verlagert oder geht gänzlich verloren. Plötzlich ist es guter Geschmack jemandem auszugrenzen. Durch die Justiz, durch Mobbing oder durch falsche Berichterstattung. Und hier muss die Demokratie beginnen, einzugreifen und die Grenzen des guten Geschmacks, eben auch jener der öffentlichen Meinung definieren.





Nähe und Distanz in der globalisierten Welt

8 03 2008

Uwe Sander, Soziologe und Autor von „Die Bindung der Unverbindlichkeit“ schreibt in seinem Kommentar in der Wienerin über den Mythos der sogenannten heilen Welt unserer Ahnen und verweist diesen Mythos in das Reich der Legenden. Dieses psychologische Gespinst entspräche nicht den historischen Tatsachen.

Die Menschen waren in ihrer Denk- und Handlungsfähigkeit durch tradierte Rollen stark eingeschränkt, was zwar soziale Sicherheit aber wenig Freiraum bedeutet hätte. Diese Entwicklung kann ich nach einem bisherigen beinahe fünfzigjährigem Leben bereits bestätigen. Die Rolle der Frau, welche in meiner Kindheit bestimmend war, würde ich mir nicht herbei wünschen.
Neue Freiheit
Heutzutage lösen sich milieuverhaftete Beziehungsstrukturen zunehmend auf, dadurch erweitert sich unser Rahmen an Möglichkeiten. Ein enormer Gewinn und gleichzeitig die grösste Herausforderung. Anderen Menschen, Nachbarn, Kolleg/innen und Bekannten ist nicht wichtig, welche Überzeugungen ich lebe und wer meine Freunde sind. Ein Mann und eine Frau können sich ohne Rücksicht auf ihren Status oder Herkunft kennenlernen, die Auflösung der Zugehörigkeiten sowie der Geschlechterrollen machen dies möglich. Die Anonymität schützt die Sphäre.

Neue Nähe
Die häufig beklagte Distanz macht den Umgang mit anderen Kulturen erst möglich. Zum pakistanischen Internetcafebetreiber mit den niedrigsten Preisen und zur persischen Verkäuferin, welche die besten Kirschmarmeladen kennt. Mit der rumänischen Friseurin den Alltag besprechen, während sie an den Haaren werkt, ist möglich, ohne über Islam, Terrorismus und Toleranz zu diskutieren. Säkulare Gemeinschaften ermöglichen durch geringere Nähe und Distanz hinsichtlich Religion freundliches Nebeneinander leben.

Bestimmte Formen von Nähe sind eben nur möglich wenn Anonymität herrscht. Diese Form der Globalisierung stellt hohe Ansprüche an private Beziehungen. Mit beachtlicher sozialer und kommunikativer Leistung werden Freundschaften, Partnerschaften, Familien und Ehen über Distanz aufrecht erhalten.

Die Psychologin Charlotte Hetzer meint, dass Nähe in der postmodernen Gesellschaft nicht verloren gegangen ist. Sie konstituiert sich anders. Eben nicht nur durch  physische Anwesenheit sondern über Kommunikation auf Entfernung. Ort und Zeit sind keine einschränkenden Rahmenbedingungen für das Miteinander.





Das Kreuz mit Kreuzen und Halbmonden

2 03 2008

Die Theatergruppe St. Veit/Pg hat sich im vorjährigen Stück „Verteidigung des Sommers“ von Peter Blaikner mit dem Aufstand der Salzburger Bauern gegen den Erzbischof Burkhard von Weisspriach im Jahr 1462 beschäftigt. Der Erzbischof schlug zurück, die Auflehnung gegen die Herrschaft wurde zurückgeschlagen.

Die Erzählungen der beiden Romane „Die Nothgasse“ und „Der Ochsenkrieg“ schildern auf eindringliche Art, wie soziale Misstände, Ignoranz der Herrschenden und der Einfluss von Aussen die den  Salzburger Erzbischof Bauernkriege herausgefordert hatten. Die Bauernkriege waren auch Religionskriege. Den die Besitzenden waren jene, die damals die katholische Religion repräsentierten. Die evangelische Religion wurde als Befreiung von sozialen Missständen und Auflehnung gegen die Unterdrückung gleichgesetzt.

Erzbischof Guidobald Graf Thun (1654 – 1668) vollendete den Dombau und die Residenz und ließ die Pferdeschwemme am Kapitelplatz erbauen. Diese wunderbaren Bauten und Plätze sichern neben vielen anderen Schönheiten dem säkularen Land den Erwerb von touristischem Kapital. Religion ist in der Stadt Salzburg die Grundlage für ökonomischen Wohlstand.
Graf Thun erwarb als Bischof für den Metropolitanstuhl in Salzburg den Titel „Primas Germaniae“, den Platz als ranghöchsten Bischof im deutschsprachigen Raum. Diese ausserordentliche Stellung machte  seinen Nachfolger Erzbischof Max Gandolf noch ehrgeiziger. Er war für die erste große Protestantenvertreibung verantwortlich als 1000 evangelische Bauern und Bergknappen das Land innerhalb weniger Tage verlassen mussten. Ehrgeizige Pläne ließen keinen Spielraum für soziales oder tolerantes Verhalten.

Einige Flüchtlinge konnten in angrenzenden Ländern Unterschlupf finden, sie versteckten sich auf hochgelegenen Bauernhöfen, andere mussten sich noch viel weiter durchschlagen und viele starben auf der Flucht.

<a href=“http://www.blog.de/srv/media/media_item.php?item_ID=2037900“ title=“Evangelische Kirche in Schladming“><img src=“http://data1.blog.de/media/900/2037900_b4ea0534e4_m.jpg“ alt=“Evangelische Kirche in Schladming“ vspace=“5″ hspace=“5″ /></a>
<blockquote>Die evangelische Kirche von Schladming (Steiermark) könnte vielleicht ein Resultat der Protestantenvertreibung in Salzburg sein.</blockquote>
1803 wurde das „fürsterzbischöfliche Land Salzburg“ säkularisiert.

1997 wurde im litauischen Vilkiskai eine Skulptur zum Gedenken an die wegen ihres Glaubens vertriebenen Protestanten aufgestellt und durch den Landesherrn von Salzburg enthüllt. Eine alte Frau reichte mir mit weinender Stimme die Hand und sagte: „Das ist das erste mal, das wir „verhasste Deutsche“ wertvoll sind.

Ich habe keine Ahnung ob ihre familiäre Herkunft auf eine Flüchtlingswelle der Protestanten zurück zu führen ist. Das ist für mich momentan nicht wichtig. Entscheidend ist, wie Sprache, soziale Stellung, Religion und andere Faktoren ineinander verwoben sind, gesellschaftliche Prozesse und historische Entwicklung prägen.

Eine andere Geschichte

Der Stadtturm von Waidhofen präsentiert auf seiner Fassade einen Teil der Geschichte des Landes.
„Im Jahr 1532 schlugen Bürger, Schmiede und Bauern die Türken in die Flucht und bauten zur Erinnerung diesen Turm“

<a href=“http://www.blog.de/community/profile_photo_sizes.php?item_ID=2037920“ title=“alle Bildgrößen“><img src=“http://data1.blog.de/media/920/2037920_1fd6eee1ee_l.jpg“ height=“768″ width=“1022″ alt=“Waidhofen Stadtturm“ /></a>

Die Türkenbelagerungen vor Wien, die Schlachten um die Grenzen des Habsburgereiches sind im kollektiven Bewusstsein einer Nation vorhanden. Manche  Urteile, die vorausgefasst als richtig erachtet werden, entspringen diesem Bewusstsein.

Nicht wenige Dächer von Waidhofen an der Ybbs werden von einem kleinen Halbmond geschmückt. Iin den dreissiger Jahren war es opportun, zu jenen Familien zu gehören, die tapfer Osmanen in die Flucht geschlagen hatten. Ein freundlicher Mann, der den Rundgang durch die Stadt führte, erzählte dies am Nachmittag einer Gruppe von Menschen.

Im Jahr 2007 findet die Landesausstellung „Feuer und Erde“ in Waidhofen statt. Aus diesem Grund schreibe ich ein nettes, aufrichtig gemeintes Mail an den Bürgermeister der Stadt. Er möge so gut sein, die Aufschrift mit einer Tafel am Fusse des Turms kommentieren. Jeder Torbogen der Renaissance sei erwähnt, jede Fassade erklärt und denselben Wunsch häte ich für „die Türken, eigentlich osmanischen Versorgungstruppen, die in die Flucht geschlagen wurden“. Und da wären noch die Halbmonde zu erwähnen, die aufgrund faschistischer Ideologien und nationalsozialistischem Gedankenguts die Häuser der Stadt zierten.

Ich werde die Stadt wieder besuchen und nachsehen, ob sich etwas verändert hat. Und wiederum ein freundliches Mail schreiben, die Geschichte rekonstruieren und versuchen eine Veränderung zu erreichen. Denn Geschichte wird weiter geschrieben.

Protestanten dürfen in Salzburg leben, ihren Glauben praktizieren und Kirchen bauen. Muslime dürfen in Österreich leben, ihren Glauben praktizieren und sollten auch Moscheen bauen dürfen. Denn, wie gesagt, Geschichte wird weiter geschrieben.