Nähe und Distanz in der globalisierten Welt

8 03 2008

Uwe Sander, Soziologe und Autor von „Die Bindung der Unverbindlichkeit“ schreibt in seinem Kommentar in der Wienerin über den Mythos der sogenannten heilen Welt unserer Ahnen und verweist diesen Mythos in das Reich der Legenden. Dieses psychologische Gespinst entspräche nicht den historischen Tatsachen.

Die Menschen waren in ihrer Denk- und Handlungsfähigkeit durch tradierte Rollen stark eingeschränkt, was zwar soziale Sicherheit aber wenig Freiraum bedeutet hätte. Diese Entwicklung kann ich nach einem bisherigen beinahe fünfzigjährigem Leben bereits bestätigen. Die Rolle der Frau, welche in meiner Kindheit bestimmend war, würde ich mir nicht herbei wünschen.
Neue Freiheit
Heutzutage lösen sich milieuverhaftete Beziehungsstrukturen zunehmend auf, dadurch erweitert sich unser Rahmen an Möglichkeiten. Ein enormer Gewinn und gleichzeitig die grösste Herausforderung. Anderen Menschen, Nachbarn, Kolleg/innen und Bekannten ist nicht wichtig, welche Überzeugungen ich lebe und wer meine Freunde sind. Ein Mann und eine Frau können sich ohne Rücksicht auf ihren Status oder Herkunft kennenlernen, die Auflösung der Zugehörigkeiten sowie der Geschlechterrollen machen dies möglich. Die Anonymität schützt die Sphäre.

Neue Nähe
Die häufig beklagte Distanz macht den Umgang mit anderen Kulturen erst möglich. Zum pakistanischen Internetcafebetreiber mit den niedrigsten Preisen und zur persischen Verkäuferin, welche die besten Kirschmarmeladen kennt. Mit der rumänischen Friseurin den Alltag besprechen, während sie an den Haaren werkt, ist möglich, ohne über Islam, Terrorismus und Toleranz zu diskutieren. Säkulare Gemeinschaften ermöglichen durch geringere Nähe und Distanz hinsichtlich Religion freundliches Nebeneinander leben.

Bestimmte Formen von Nähe sind eben nur möglich wenn Anonymität herrscht. Diese Form der Globalisierung stellt hohe Ansprüche an private Beziehungen. Mit beachtlicher sozialer und kommunikativer Leistung werden Freundschaften, Partnerschaften, Familien und Ehen über Distanz aufrecht erhalten.

Die Psychologin Charlotte Hetzer meint, dass Nähe in der postmodernen Gesellschaft nicht verloren gegangen ist. Sie konstituiert sich anders. Eben nicht nur durch  physische Anwesenheit sondern über Kommunikation auf Entfernung. Ort und Zeit sind keine einschränkenden Rahmenbedingungen für das Miteinander.