Am 1. April 1998 spazierten Kinder aus Bayern und Salzburg lachend und singend über die Brücke von Oberndorf nach Laufen und wieder zurück. Ein sonniger Vormittag wurde mit einem Lied vor der Stille Nacht Kapelle gemeinsam abgeschlossen. Die Grenze zwischen Bayern und Salzburg, über Jahrtausende streng gehütet, in manchen Jahrhunderten leicht von hier nach da verschoben, war Vergangenheit geworden.
Am Flussufer der Saalach, die einige Kilometer entfernt, flussaufwärts in die Salzach mündet, stand bis zu jenen Tagen eine Tafel mit folgender Aufschrift:
VORSICHT STAATSGRENZE FLUSSMITTE
Mit wenigen Ausnahmen, wie die Besuche ausländischer Staatsoberhäupter oder Weltmeisterschaften und EURO 2008 sowie eine Fahndung nach besonders gefährlich eingestuften „Personen“ bleibt die Grenze offen. Nein, es gibt sie nicht mehr, die bayerisch-salzburgische die Gebäude sind leer oder bereits verkauft, in Industriegelände umgewidmet und bestens genutzt. Sogar ein Museum soll anstelle eines Grenzübergangs in Tirol die Menschen erfreuen, aus Mitteln der Europäischen Union gefördert.
Heute, am 21. Dezember 2007 ist es wieder soweit.
Eine Grenze, die wiederum seit Jahrtausenden, Menschen in Kategorien wie östliche und westliche Bewohner presste, fällt heute. Real, nicht in den Köpfen der Menschen. Dort ist die bayerisch-salzburgische Grenze auch noch vorhanden.
Ungarn, ein vollwertiges Mitglied der Europäischen Union? Keine Grenzzäune, keine Wachtürme, ohne Patrouillen, es war unvorstellbar, in den Jahren vor 1989, wenn man die Salami billig in Sopron kaufte.
Als der eiserne Vorhang im August 1989 zum ersten Mal von zwei mutigen Politikern und einem Häuflein tapferer Menschen durchschnitten wurde, rollten Tränen über meine Wangen. Die Menschen, die in der Botschaft von Budapest ausgeharrt hatten, erfüllten für Millionen Menschen einen Traum von Freiheit. Im Geographieunterricht fragten die Schüler ob jetzt die Zahnärzte arbeitslos werden würden, weil sich alle Österreicher die Zähne am Plattensee im Urlaub verkronen oder vergolden lassen würden. „Nein, das wird nicht passieren, eine neue Welt tut sich für uns auf!“ Es dauerte Jahre bis in den Medien von einzelnen Ländern gesprochen wurde und nicht vom Osten, von den kommunistischen Ländern oder gar vom Ostblock. In Österreich hieß die Erweiterung immer die Osterweiterung obwohl der offizielle Begiff „Enlargement“ längst politically der korrektere gewesen wäre.
Was blieb von der Freiheit für etwas und von etwas?
Im Jahr 2005 gestalteten wir ein Europäisches Jugendworkshop für hochbegabte Kinder in Salzburg. Einige der Jugendlichen aus Polen, Tschechien, Österreich, Slowakei, Slowenien feierten im August ihren 16. Geburtstag und ich fragte sie, ob sie wüssten, welch revolutionäres Geburtsjahr sie sich ausgesucht hätten. Ratlose Gesichter schauten mich an.
„Was, wie, Revolution? Wir hatten keine Revolution. Die Kommunisten wurden 1989 abgewählt, ja das haben wir gelernt.“
Ich überlegte:
„Wenn Politik und Zeitzeugnis Geschichte wird, bestimmen Bestimmte was geschehen war.“
Nun vielleicht war es keine Revolution, nur ein Aufstand Millionen von Menschen in Polen, Ostdeutschland, Ungarn, Tschechien, Slowakei und Slowenien, der zum Sturz eines totalitären, wirtschaftlichen und politischen Systems geführt hatten. Dabei muss ich Menschen der baltischen Staaten und Rumänien erwähnen, die zusätzliche Herausforderungen zu bewältigen hatten.
Was ist von dieser Öffnung in den Köpfen der Menschen geblieben?
Wo liegt heute das Problem?
Das kapitalistische System des Westens hat unendlich viele Mängel, der Konsum macht die Menschen krank und als Ökonomin wage ich zu behaupten, dass der Materialismus die Menschen regiert und die Politik hoffnungslos in Angebot und Nachfrage als gedankliches Modell verstrickt ist. Ein einziges Dogma beherrsch die Welt, welches in dieser Form für alle Menschen in allen Staaten nicht verwirklichbar ist. Daher ist es höchst an der Zeit neue Modelle des Denkens und Wissens zu entwickeln.
Angesichts der Grenzöffnung mit dem schönen Namen des kleinen belgischen Ortes „Schengen“ fühle ich wieder die Freude und Aufbruchstimmung von damals.
Ich begann 1992 in jenen Ländern mit voller finanzieller und personeller Unterstützung des österreichischen Unterrichtsministeriums, Lehrer und Lehrerinnen der Fremdsprache Russisch, die arbeitslos geworden waren, auf Deutsch als Fremdsprache umzuschulen. Mit Kolleginnen und Kollegen der beruflichen Bildung wurden Fachkurse entwickelt, Schneiderinnen in den Höheren Lehranstalten für wirtschaftliche Berufe auf die Exaktheit der Schnitttechnik eingeschworen und Elektrotechniker mussten die Normen des Westens kennen lernen.
Ich spüre wieder die Freude, als zum ersten Mal in der Tourismusschule Klaipeda an der Ostsee ein Mittagessen serviert wurde. Servieren, Dienen war in kommunistischen Tagen verpönt, der Gast suchte sich anhand von Plastikmodellen eine Speise aus und holte sich diese an einem Tresen. In unzähligen Seminaren hatten Lehrerinnen aus Litauen in Salzburg an der Tourismusschule zumeist durch Zusehen und Nachmachen gepflegtes Service gelernt. Es war nicht genug Geld für Dolmetscher vorhanden. Und es fehlten dieFachkräfte, die Litauisch in Deutsch und umgekehrt dolmetschen konnten. Heute ist diese Schule ein Modell für die Berufsbildung in Litauen. Der Erfolg ist auf den Fleiß, Einsatz und die Freude der dort tätigen Lehrerinnen und Lehrer zurück zu führen. Diese Freude hat mich in den vergangenen Jahren durch bürokratische Hürden und Probleme getragen und mir den Sinn meiner Arbeit vor Augen geführt.
Und was ist nun mit dem 21. Dezember 2007?
Dieser Tag gibt mir wiederum die Kraft für die nächsten Projekte. Mit Kolleg/Innen, die inzwischen zu Freunden geworden sind, an anderen Herausforderungen unserer globalen Welt arbeiten. Die Heranführung des Westbalkans an Europa steht wahrlich vor der Tür.
Unstimmigkeiten mit der Türkei bestimmen die Alltagsmedien und Probleme der kaukasischen Region werden nicht geringer. Mehr Wissen, voneinander erfahren und Zusammenhänge feststellen, ist die Aufgabe heutiger internationaler Bildung. Nicht der Export des bereits angefaulten Kapitalismus ist gefordert, sondern Neues.
Nicht zuletzt das Auseinanderdriften der Ansichten einer US amerikanischen Regierung und einiger europäischer Staaten sowie die wirtschaftliche und politische Entwicklung Russlands sind weite Wissensfelder für engagierte Menschen, egal welchen Alters.
Mit Sicherheit kann ich am heutigen Tag versprechen, dass ich der Sicherheit und dem globalen Wissen darum einige Einträge widmen werde.
Der Tag der „kleinen Revolution einer Grenzöffnung“ macht sicher.